Olaf Meyer & Nicole Jakobebbinghaus in der Villa Nolting seit 2008

(von Mathias Polster als historische Postkarte zur Verfügung gestellt, um 1910, ohne den Anbau von 1920, mit Unterschrift von Ernst Nolting. Im Februar 2019 gefunden)


  Historie der Villa Nolting und Firmengeschichte der Zuckerwarenfabrikanten Ernst & Julius Nolting in Herford
Geschichte und Bewohner


Erstmals erwähnt in den Bauanträgen des Technischen Rathauses wird eine Villenplanung 1899 / 1900 in Verbindung mit dem Namen Karl Wefelmeyer, bahnamtlicher Spediteur und Möbeltransporteur, und dem Architekten G. Schulze. Was daraus geworden ist, lässt sich in den Grundbüchern nicht genau nachvollziehen. Bestehende Kellergeschossteile zeugen von einem bereits vorher hier errichtetem Gebäude.

Aber es zieht als Besitzer und erster Bewohner der Zuckerwarenfabrikant Ernst Nolting (geb. 21.11.1872) am 16.02.1903 in die vom Jugendstil geprägte Villa mit seiner Familie ein und bewohnt diese bis zu seinem Tod am 30.12.1951 fast 49 Jahre lang.

(Anm.: nicht zu verwechseln mit dem Kreisleiter der NSDAP Ernst Nolting -1891 bis 1945 -, Prokurist einer Zigarrenfabrik und kaufmännischer Direktor EMR)

Während dieser Zeit fanden diverse Erweiterungsarbeiten statt.
Auf den bis zum Ende des 2. Weltkriegs drei Etagen standen damals ein nutzbarer Raum inklusive aller Verkehrsflächen von fast 600 m² zuzüglich 220 m² im Souterrain zur Verfügung.

Erstmals im Jahr 1911 wurde umgebaut und eine Nutzungsänderungen mit dem Architekten  Karl Schubert durchgeführt. In den Jahren 1919/20 wurde das damals noch imposante Gesamtareal eingefriedet und die 36 m² große Südost - Terrasse angebaut. Architekt dafür war Wilhelm Köster, der zeitgleich auch den neuen Firmenkomplex der Gebr. Nolting, ab 1928 nur noch unter Julius Nolting und der Marke KARINA, auf dem Eckgrundstück an der Hansa- und Werrestraße plante (Einweihung 25.11.1922 - heute Agentur für Arbeit). Abgerissen wurde dieser imposante Bau im Jahre 1980, Dirk C. Frotscher aus Berlin hat uns hierzu einen Link zu YOUTUBE geschickt.

Zum Grundstück der (Ernst) Nolting - Villa gehörten das heutige Nachbargrundstück unter der jetzigen Adresse ‚Unter den Linden 48‘ sowie der unter Denkmalschutz stehende Pavillon mit den damaligen an die Mühlenwegmauer angrenzenden Remisen für den Fuhrpark der Zuckerwaren- und Schokoladenfabrik der Gebr. Ernst & Julius Nolting in der
Brüderstraße 7 auf dem alten elterlichen Anwesen (gegründet 1897 und erweitert 1906). Eines der Produkte wurde unter der Marke "Genolta" vertrieben.

Mit 70 Jahren (1942) schied Ernst Nolting, aus der mit seinem  Bruder Julius gegründeten Firma, die aber schon ab 1926 ohne Geschäftstätigkeit ruhte,  aus. In der Zeit  ab 1926 produzierte Ernst Nolting allein in den ehemaligen Herforder Firmengebäuden der Emanuel Weinberg AG an der Werrestraße, die 1926 wegen Konkurs ihre Geschäfte aufgeben musste, mit dem Firmenzusatz "Inhaber Ernst Nolting, Herford". Im September 1935 änderte er die Firmierung auf "Rütli-Schokoladenwerke, Herford, Ernst Nolting" und 1936 schied Ernst Nolting aus der Firma aus. Die Commerzbank hatte kurz zuvor, wegen 330.000 Reichsmark Schulden, einen eigenen Geschäftsführer, Friedrich Wilhelm Bosselmann, eingesetzt. Dieser setzte die Geschäfte fort bis zum Konkurs 1970. Dann gingen die Gebäude und Grundstücke an Streuber & Lohmann (heute SULO).

Sein Bruder Julius Nolting, geboren 21.12.1866, war in  seiner 1928 gegründeten Julius Nolting "Karina" Schokoladenwerk oHG an der Hansastraße tätig. Die Firma änderte die Rechtsform von oHG in KG, dann in eine Einzelfirma mit dem Namen "Karina" Schokoladenfabrik Julius Nolting und musste im Juli 1977 unter spektakulären Umständen schließen. Heute wird die Marke Karina, jedoch mit ‚C‘ und mit 'K' geschrieben, von anderen Herstellern produziert.

Julius Nolting verstarb im Alter von 92 Jahren am 20.07.1959. Die Carina – Stiftung, gegründet von Hermann Neuhaus (SULO) ist angelehnt an die Schokoladen – Marke Karina. Julius Nolting war mit dem SULO - Gründer Streuber und seinem Nachfolger Hermann Neuhaus familiär und geschäftlich verbunden.

Folgende Adressen, am gleichen Ort, hatte die Villa Nolting:

Deichtorwall 1b dann 3                       bis 24.03.1933
Adolf – Hitler – Wall   3    25.03.1933  bis 07.05.1945
Unter den Linden  50       08.05.1945  bis heute

Im 2. Weltkrieg wurde die Villa Nolting zweimal von Bomben stark beschädigt. Am 03.11.1944 traf es das Schieferdach und die Mansarden, am 03.03.1945 setzte eine Brandbombe das 1. Obergeschoss und die Treppe in Brand. Nur noch 40 % des Hauses war erhalten geblieben. Um es wieder bewohnbar zu machen, wurde 1946 ein Flachdach aufgesetzt. Damit war der Jugendstilcharakter von außen nicht mehr gegeben. Das Gebäude wirkt seither eher klassizistisch.

Wahrscheinlich um den Wiederaufbau und die Renovierung bezahlen zu können, ließ Ernst Nolting 1950 das Grundstück in insgesamt drei Parzellen teilen und veräußerte davon zwei. Dies betraf das heutige Grundstück mit der Adresse ‚Unter den Linden 48‘ und das Pavillongrundstück an der Mühlengasse. Ein Antrag auf Aufstockung bzw. Wiederaufbau des ehemaligen 2. Obergeschosses mit Jugendstil – Elementen der Villa Nolting im Jahre 1950 wurde von der zuständigen Baubehörde abgelehnt. Geplant, aber leider nicht realisiert wurde das von den Architekten Friedmann und Seher.

Viele Bewohner des Hauses sind in den Adressbüchern Herfords vermerkt. Ob nun die Familie selbst oder auch Angestellte wie Haushaltshilfen, Köche und Fahrer oder viele Mieter, das Haus wurde intensiv genutzt. In und nach dem 2. Weltkrieg wurden Zwangsunterbringungen wegen des fehlenden Wohnraums angeordnet. Hier liegt noch Schriftverkehr in den Archiven der Stadt und des Kreises Herford über die Auseinandersetzungen mit Behörden und Mietern durch Ernst Nolting.

Am 30.12.1951 verstarb Ernst Nolting mit 79 Jahren. Begraben wurde er auf Herfords altem Friedhof im Familiengrab. Ein imposantes Relief der nun von der Stadt Herford gepflegten Grabstelle nahe den Bahnschienen zeugt noch von seiner Fabrikantentätigkeit.

Seine Tochter Edith Nolting wohnte seit ihrer Geburt am 03.09.1904 in der Villa. Sie war die Erbin des Gebäudes und lebte dort bis zu ihrem Tod am 20.08.1982. Wegen ihrer Vermögenslosigkeit und nur geringen Mieterlösen konnte sie die nötigen Renovierungen nicht durchführen. Edith Nolting, unter Vormundschaft stehend, musste die Villa 1971 verkaufen.

Der Kaufmann Hubert Guthoff war der Käufer am 09.12.1971. Die Villa Nolting beherbergte weiterhin viele Bewohner. Unter anderem war zeitweise eine Zahnarztpraxis im Erdgeschoss untergebracht. Für die Abteilung von Warte- und Ordinationszimmer wurden Zwischenwände gezogen und historische Stuckarbeiten zum Teil entfernt.

Einer der schillernsten Besitzer war wohl der sogenannte ‚Zigeuner – Baron‘ Moro Goman. Er kaufte am 20.06.1986 die Villa Nolting, um hier zu ‚residieren‘. Trotz der nur 3 1/2-jährigen Verweildauer ist diese Begebenheit immer noch vielen alten Herfordern in Erinnerung. Hier müssen dann auch die neuzeitlichen Renovierung begonnen haben. Originalfliesen in Treppenhaus, Küchen und Bädern wurden mit Marmor überklebt, aufwendige Badezimmer, nicht immer stilsicher, wurden eingebaut und die Fassage wurde gestrichen.

Ab 19.01.1990 wurde die Familie Börner Eigentümer und bewohnte mit ihrem Schwiegersohn Feuerstein – Börner für ungefähr 10 Jahre die Villa Nolting.

Am 28.12.1999 wechselten noch einmal die Besitzer, Dr. Helmut Krah mit seiner Frau, Dr. Stephanie Krah, sowie ihre später insgesamt fünf Töchter und Dr. Ursula Winkler erwarben das Haus auf seinen 1.063 m² Grundstück. Im Jahr 2004 wurden die gesamten Fenster erneuert.

Seit 01.04.2008 ist die Villa in unserem Besitz mit unseren zwei Schutz- und Wachhunden. Hier wird unter einem Dach gewohnt und gearbeitet. Nach nur 3-monatiger Renovierungsphase wurden die noch vorhandenen Stilelemente des Erdgeschosses, wie gusseiserne Heizkörper und deren hölzerne Verkleidungen neu zur Geltung gebracht. Die bunte Bleiverglasung des Treppenhauses, wohl aus den 50er Jahren stammend, wurde instand gesetzt und mit einer innenliegenden Vorsatzschale geschützt. Einbauschränke, Stuckarbeiten und pfeilerähnliche Wandverkleidungen waren ebenfalls noch vorhanden und wurden überarbeitet.

Im Jahr 2010 wurde der gesamte Garten neu gestaltet und dem klassizistischem Haus angepasst sowie die Victoria - Statue im Vorgarten aufgestellt. Neuzeitliche Überwachungstechnik und mechanische Sicherungen wurden installiert, um nur noch erwünschte Besucher im Haus zu empfangen.

Im Jahr 2011 und 2012 konnte dann das Treppenhaus ähnlich dem Urzustand hergerichtet werden. Der nachträglich verlegte Marmor im Flur des Eingangsbereiches wurde durch zeitgenössisches Steinwerk der Epoche von vor 100 Jahren ersetzt. Im Sommer des Jahres 2014 wurde der Anstrich erneuert, Dachrinnen und Fallrohre modernisiert sowie die historische Umzäunung restauriert.

Diese Recherchen wurden im Laufe der letzten Jahre betrieben, um den existierenden Geschichten zur Villa Nolting etwas Struktur und Dimension zu geben. Die von beiden zusammengetragenen Informationen basieren auf Daten des Technischen Rathaus, des Stadtarchivs im alten Kreishaus, den Grundbuchblättern des Amtsgerichts sowie Kontakten mit der Carina – Stiftung, der Museumsleiterin in der Pöppelmann – Villa, Frau Sonja Langkafel, einem Link von Herrn Dirk C. Frotscher aus Berlin und vielen Gesprächen mit den Freunden und Nachbarn aus der Radewig.

Gern arbeiten wir weitere Zeitzeugen – Berichte, Überlieferungen, Bilder oder Ergebnisse interessierter Recherchetreibenden mit in unsere kleine Historie über die Villa Nolting und die damit verbundenen firmengeschichtlichen Entwicklungen der letzten 120 Jahre ein.

Im Februar 2019 erwarb ein Nachbar, Mathias Polster, aus der Radewig und Freund des Hauses eine historische Postkarte, unbenutzt und mit der Originalunterschrift von Ernst Nolting. Diese zeigt die Villa Nolting um das Jahr 1910 in der ursprünglichen Form, ohne den später durchgeführten Anbau um 1920. Diese stellte er uns als Foto zur Verfügung (über der Überschrift dieses Textes).

Dankeschön lieber Mathias Polster (welcher auch historische Stadtführungen in Herford und Umgebung anbietet).

Olaf Meyer & Nicole Jakobebbinghaus
Diplom-Betriebswirt & Diplom-Pädagogen

Villa Nolting
Unter den Linden 50
32052 Herford
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